Heute werden Bleistiftstriche auf Papier lebendig! Die Basisklasse 2016 hat im Trickfilm Workshop einen klassischen Trickfilm produziert - so richtig mit Leuchttisch, HB Bleistift und einer Menge abgefahrener Ideen. Einer der absoluten Höhepunkte der Basisklasse im Rücklblick!

Es ist der letzte aller Workshops gewesen: Die Trickfilmklasse lud uns ein, unseren eigenen, handgezeichneten Trickfilm zu machen. Ich muss ehrlich sagen, dass ich riesigen Respekt davor hatte (und noch habe!), da in meinen Augen das Animieren zu einer der Königsdisziplinen in der Bewegtbildabteilung gehört. Meine ersten Erfahrungen damit machte ich bereits 2013 mit meinem eigenen 3D-Animationsfilm " Happy Man " (klick HIER für den Blogpost dazu). Es ist unglaublich schwierig aus dem Kopfkino, dass einem die großartigsten Szenerien, mit den wildesten Bewegungen und lebhaftesten Gestiken vor Augen spielt, eine echte Animation zu machen, die sich mit den eigenen Vorstellungen deckt. Diese Herausforderung hat mich aber wiederum enorm beflügelt, meine bösen Geister aus der Vergangenheit zu verscheuchen und es nochmal zu probieren.

Die Vorgaben

Der Trickfilm sollte ein sogenannter "Omnibusfilm" werden. Das heißt, dass aus allen einzelnen Trickfilmen später ein zusammenhängender Film werden sollte. Das zusammenhängende Element war in unserem Fall aber nicht von inhaltlicher, sondern von formal, ästhetischer Natur. Jeder Film sollte mit einer Einstellung einer nicht ganz halbkreisförmigen Wölbung beginnen und enden. Alles was dazwischen passiert (also inhaltlich) war uns völlig frei gestellt. Aus der formalen Vorgabe entstand auch der Titel unseres Films: Wölbewelten. Da das Anfertigen eines Trickfilms eine verdammt zeitintensive Sache ist (für eine Sekunde bewegten Bildes mussten wir 12 Bilder zeichnen!) einigten wir uns grob auf eine Sequenzlänge von 3 - 7 Sekunden.

Zuerst dachte ich an eine kurze Verflogungsjagd auf der Wölbung, die in diesem Kontext zu einem Hügel geworden wäre. Ein krimineller Rapperpenis auf der Flucht vor der Genitalpolizei. Da mir das erstens nicht infantil genug war (lol) und ich zweitens Probleme hatte, mir eine prägnante Szene auszudenken, die die 7 Sekundengrenze nicht bei weitem überschritten hätte, hab ich die Idee nach ein paar Konzeptzeichnungen verworfen. Ich grübelte noch eine Weile und erinnerte mich an die Szene aus Spongebob Schwammkopf, in der Mr. Krabs einen gruseligen Geist auf einen Collegeblockzettel zeichnet und Spongebob damit das Fürchten lehrt.

Ich liebe Papiergeister seit der Kindheit. Insofern leicht fiel es mir, selber einen zum Hauptdarsteller meiner Animation zu machen. Der Inhalt ist schnell erzählt: Unser Geist wird ohne Sinnesorgane aus der Wölbung "geboren",was dazu führt, dass er orientierungslos gegen die Kamera fliegt. Augen und Mund entstehen und unser lieber Geist ist glücklicher als je zuvor die Welt zu sehen. Das neue Glück währt nicht lang, denn schnell erblickt er diese komischen Wesen hinter der Glaswand (uns, die wir zuschauen!) und erleidet den Schreck seines Lebens.

Das Animieren

Animieren ist eine Kunst für sich. Das Wort leitet sich vom lateinischen "animare" ab und bedeutet soviel wie "beseelen", oder "beleben", was es auch treffend auf den Punkt bringt; der Animator "beseelt" seine Zeichnungen. Eine Geschichte über das Leben kann mit nur einem einzigen, bewegten Punkt erzählt werden, wenn der Animator sein Handwerk versteht. Dafür braucht es das Verständnis von Bewegungsabfolgen. Man muss begreifen wie Körper beschleunigen und verzögern. Wer sein Bein bewegt, tut das nicht mit einer konstanten Geschwindigkeit. Das Bein muss erst beschleunigen und wird vor dem Aufsetzen gebremst. In einem Graph dargestelt, würde sich die Kurve exponentiell und nicht konstand seinem maximalem Ausschlag nähern. So wird aus hölzernen Bewegungen, eine lebendige Animation.

Eine Technik, die sich vor allem Beginnern anbietet, funktioniert in etwa so: Man plant seine Animation vor und entscheidet sich, wie viel Zeit diese von ihrem absoluten Anfang, bis zu ihrem absoluten Ende benötigt. Nehmen wir mein Beispiel aus dem obrigen Bild. Hier habe ich die Animation "Geist zieht sich zusammen und streckt sich anschließend" skizziert. Diesem Vorgang habe ich genau 1 Sekunde Zeit bemessen. Die Zahlen unten im Zeitstrahl sind die einzelnen Bilder der Animation. Eine Sekunde im Film entspricht 12 Sekunden (das war die Vorgabe; man kann sich natürlich auch auf 24 Bilder festlegen, vorausgesetzt man ist ein masochistisches Schwein). Die Animation reicht von Bild 1 bis Bild 12 = 1 Sekunde. Nun müssen alle 12 Bilder geplant werden. Ich habe mit Bild 1 und 12 begonnenm, denn Anfang und Ende der Animation sind ja bekannt. Jetzt habe ich mich nicht von Bild 1 nach 2 und 3, 4, 5 usw. gearbeitet, sondern bin zu Bild 6 gesprungen, der Mitte. Zur Mitte der Animation sollte der Geist sich maximal zusammengezogen haben. also war es sehr einfach dieses Bild festzulegen. So arbeitet man sich voran. Von Mitte, zu Mitte, zu Mitte. Als nächstes Bild 3, dann Bild 9 usw. Eigentlich wie Pizza schneiden: es ist am einfachsten sich immer wieder an der neuen Mitte zu orientieren.

So entsteht nach viel Handarbeit und Geduld eine Animation. Es ist schwer zu beschreiben, wie gespannt man ist, die angefertigten Zeichnungen in den Linetester einzuspannen (ein Apartur zum digitalisieren der Zeichnungen) und seine Figur am Computer zum Leben zu erwecken. Mehr als entschädigend für den Aufwand der dahinter steckt.

Der Film - Wölbewelten

Abschließend lässt sich sagen: ich bin wirklich begeistert, was meine Komolitonen abgeliefert haben. Der Film ist ein unglaublich stimmiges Potpurri aus wirren, ausgefallen Ideen: Ob der mit V8-Motor angetriebene Regenwurm, die Weltraumieze, oder die überdimensionierte Bratwurst, die vom Himmel fällt. Es wird nie langweilig (Ps: meine kleine Geisteranimation beginnt bei 0:41). Dieser Workshop ist zweifellos einer der besten gewesen und ich kann nur jedem wärmstens empfehlen, diese Gelegenheit zu nutzen, um seinen Beitrag zu den nachfolgenden Basisklassentrickfilmen zu leisten (tatsächlich muss man das nämlich nicht, aber lasst euch nicht verführen!).

 

 

Besucht doch mal meine Basisklassenkollegen!
Anna Bergold, Florian Boege, Karl Brunnengräber, Inga-Lisa Burmester, Fritz Eggenwirth, Àron Farkas, Lou Hardt, Georgi Krastev, Alexandra Leibmann, Melanie Lüdtke, Jolanda Obleser, Stephanie Olszewski, Sina Rockensüß, Malte J. Richter, Edgar Schero, Valerie Schwarzkopf, Sheila Wend, Jonas Leichsenring, Pascalina Krummenauer, Frauke Rohenkohl

Yeah, Kunst bis zum Abwinken, nie wieder Langeweile, yeah

 


 

Das war es dann soweit. Das war der letzte Rückblick auf die ersten beiden Semester Visuelle Kommunikation. Die Zeit der Basisklasse 15/16 ist vorbei und die Zwischenprüfung ist bestanden. Ich bin in der Klasse "Film & bewegtes Bild" von Jan Peters und Volko Kamensky gelandet. Es wird auch in Zukunft viel zu berichten geben und ich hoffe ihr hattet Spaß in diese besondere Zeit meines nicht ganz so filmischen Schaffens zu blicken.

Hier sind nochmal alle Beiträge zum Basisklassenrückblick aufgelistet:

Das erste Semester Kunsthochschule Kassel - Teil 1

Das erste Semester Kunsthochschule Kassel - Teil 2

Das erste Semester Kunsthochschule Kassel - Teil 3 | 3D Spiele und Filme

Das erste Semester Kunsthochschule Kassel - Teil 4 | Super 8 Vampirfilm

Basisklassenrückblick Kunsthochschule Kassel - Teil 5 | Film & Fernsehen

Liebe Grüße,

euer Harry

 

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