Endlich kann ich euch von meinem Lieblingsworkshop berichten! Der Film & Bewegtbild Workshop ist der mitunter interesannteste von allen gewesen und gab uns die Möglichkeit, einen waschechten Vampirstummfilm auf Super 8 Film zu produzieren. Freut euch auf Retro und echte Handarbeit!

Im letzten Beitrag HIER, drehte sich alles um die digitale Welt: Computerspielentwicklung und mein eigener 3D Animationsfilm. Jetzt wird es wieder knallhart analog! Im Rahmen unseres "Film & bewegtes Bild" Seminars, hatten die Professoren Jan Peters und Volko Kamensky die Idee, dass wir uns in Gruppen finden, um unsere eigenen Filme auf echtem Super8 Film zu produzieren. Werft erstmal einen Blick auf unseren Film!

 

- Das fragmentarische Portrait -

Das Thema war grob vorgegeben und sah vor, dass wir uns eine Person aus der Kunsthochschule suchen sollten, um über eben diese ein videographisches Portrait zu erstellen. Jede Gruppe hatte drei Tage Zeit bis zu endgültigen Fertigstellung. Gefilmt werden sollte auf echten Super 8 Filmkameras aus den 70er und 80er Jahren. Jan und Volko haben sich im Vorfeld bereits auf die Suche nach unbelichteten Super 8 Filmrollen begeben und wahre Schmuckstücke ergattern können - so durfte meine Gruppe bestehend aus Nik Baczewski, Massimo Crimi, Àron Farkas und mir, auf einer original Filmrolle aus sowjetischer Produktion filmen.

 

 

Ideenfindung
Zu erst haben wir uns zu viert, mit Bier und Kippen, in mein Wohnzimmer geflackt und überlegt: Was könnte man mit Super 8 so anstellen? Ich finde es immer wichtig sich mit dem Medium, dass man sich zum arbeiten
ausgesucht hat, auseinander zu setzen und zu fragen: Was macht das Medium speziell aus? Warum wähle ich gerade dieses Medium, um meine Idee zu verwirklichen? Welche Eigenheiten besitzt es, die ich mir zu Nutze machen kann? In unserem speziellem Fall, mussten wir uns fragen: Welche Art von Film würde vom sehr speziellen retro Look eines Super 8 Films tatsächlich auch profitieren? Auf perfekte Schärfe, 24 Bilder pro Sekunde und ein sauberes Bild muss von vornherein bei der Arbeit mit Super 8 verzichtet werden, weil es diese Funktionen und Möglichkeiten garnicht erst bietet. Super 8 wird in den meisten Fällen mit 18 Bildern pro Sekunde belichtet (um länger pro Filmrolle belichten zu können) und hat dadurch diesen "stotternden" Look, welchen wir heutzutage automatisch als "alt" und "retro" assoziieren bei Filmmaterial.

Schnell sind wir uns einig gewesen, dass wir uns an die klassischen Stummfilme der 20er Jahre orientieren wollen und es fielen Titel wie "Metropolis", "Das Cabinet des Dr. Caligari" und zuletzt "Nosferatu". Noch während der Titel "Nosferatu" fiel, schoss uns allen eine Person ins Gedächtnis und ich glaube die Idee stand in diesem Moment bereits fest. Es war unser Kollege Massimo. Schaut selbst:

Er ist einfach die Realmanifestation eines klassischen Vampirs. Sein Phänotyp passt perfekt und den Aufwand für aufwändige Masken haben wir uns gleich mit gespart. Ein bisschen Puder ins Gesicht und dieser Mann strahlt die Kälte eines ganzen Friedhofs aus. Also zusammengefasst: Es wird ein szenisches Portrait von Massimo, verpackt in ein Gewandt eines klassischen Stummfilms alá Nosferatu. Bevor ich ausschweife, hier der Inhalt des Streifens:

 

Massimiliano ist ein international angesehener Meisterschüler aller Künste, an der Kunsthochschule Kassel.
Doch an seinem letzten Kunstwerk verzweifelt er seit Jahrzehnten: einem Selbstprotrait.
Sein Versagen, sich in bildlicher Form zu verewigen treibt ihn in den Wahnsinn und
lässt seine wahre Identität langsam erkennbar werden...

 

Seine wahre Identität ist, dass er eigentlich Graf Massimiliano Crimi ist, geboren 1786. Ferner ist Graf Massimiliano Crimi ein Vampir. Deshalb kann er sich nicht im Spiegel sehen und sein letztes Werk, ein Selbstportrait, vollenden. Absolut ergreifender Filmstoff natürlich, aber abgesehen davon begann hiermit der spaßige Teil: Das Filmen! Ich hab mir für den eintägigen Dreh mein Stativ, Slider und Stativkugelkopf geschnappt und alles mit unserem Baby, eine Canon 514XL, zu einem Setup kombiniert. Sehr stylisch wie ich finde!

Der Dreh mit Super 8

Für den Dreh gab es dann noch eine Vorgabe: Der Film sollte fertig in der Kamera geschnitten sein, das heißt: Jede Szene, die man filmt, muss schon beim Filmen, ergo auf der Filmrolle, an der richtigen Stelle sitzen und zeitlich korrekt angepasst sein (Vorweg: Für den endgültigen Film, hab ich dennoch etwas am Schnitt geändert im Nachhinein. Warum erfahrt ihr gleich). Da wir in unserem Drehbuch die immer wiederkehrende Szene im Atelier hatten, sah der Dreh wie folgt aus: Atelier, Mensa, Atelier, Lithografiewerkstatt, Atelier, draußen in der Aue. Extrem aufwändig, hat aber schlussendlich seinen eigenen Charme beim Drehen gehabt. Würde ich nochmal so arbeiten? Niemals in meinem ganzen Leben.

Ich musste im Endeffekt dennoch nochmal selbst Hand anlegen beim Schnitt, denn tatsächlich hat die Kamera leider ihre Arbeit nicht wie gewollt verrichtet. Sie hat mal mehr, mal weniger Probleme beim runterspulen der Filmrolle gehabt und ab und zu komplett ihren Dienst verweigert. Natürlich auch mitten beim Sliden einer Einstellung. Es könnte auch die alte Kasette aus Sowjetzeiten gewesen sein, die sich vielleicht nichtmehr optimal drehen ließ im Zusammenspiel mit einem schwach gewordenem Abspulmotor der Kamera. Dadurch haben wir mitten im Film versaute Takes gehabt, die raus, bzw. korrigiert werden mussten.

Die unterschiedliche Abspulgeschwindikeit führte aber auch zu wirklich schönen Effekten, wie den ab und zu beschleunigten Bewegungen von Massimo, die ihm stellenweise nochmal einen "irren" Hauch verpasst haben. Da Zoom- und Fokusring ebenfalls ein wildes Eigenleben führten und sich nach belieben unbemerkt, wie von Geisterhand in ihre Ausgangslage zurückdrehten, haben wir im Film auch viele (erstaunlicherweise sehr weiche!) Zooms und ätzende Unschärfen drin, die natürlich nicht so angedacht waren.

Filmentwicklung mit instant Kaffeelösung

Doch bevor ich überhaupt digital meine Hand anlegen konnte an den Film, mussten wir ihn noch entwickeln. Wir taten dies fachgerecht mit einer Entwicklungslösung aus Kaffeepulver. Ernsthaft - es ist total abgefahren, mit was man eigentlich Filme entwickeln kann. Jan Peters hatte ein spezielles Rezept, bestehend aus instant Kaffeepulver, Soda usw. Als wir ihn angerührt haben, ging es in die Dunkelkammer, um den Film aus der Kasette zu puhlen.Da nichtmal ein sanftes Rotlich erlaubt war, stellte sich das Vorhaben als nicht ganz so einfach raus. Massimo hat sich ordentlich ins Zeug legen müssen, um den russischen Industriestandard zur Versiegelung von Super 8 Kasetten zu überlisten.

Benutzt man dann normalerweise spezielle Aufrollvorrichtungen, in die man den Film einspannt, um ihn gleichmäßig mit der Entwicklungsflüssigkeit in Berührung kommen zu lassen, haben wir unseren Schmarn einfach in den Plastikeimer mit der Kaffeesuppe geschmissen und umgerührt. Rühren ist wichtig, damit der Film nicht stellenweise verklebt, wie es wunderbar bei uns zu beobachten ist. Die krassen Filmentwicklungsfehler, z.B. zum Schluss, beim Schnitt von der Totalen des Waldes zum Skizzenbuch, das im Schnee liegt, ist genau so eine Stelle. Hier klebte das Filmband mit einem anderen Stück Filmband zusammen und ist an dieser Stelle nicht mit der Entwicklungsflüssigkeit in Kontakt gekommen. Nach dem Entwicklungsbad wird der Film gewaschen und getrocknet.

Digitalisierung und Fertigstellung

Ziel war es, den Film zu digitalisieren, um damit weiterarbeiten zu können. Hierfür haben wir den fertig belichteten Film mit einem Projektor abgespielt und gleichzeitig mit einer hochwertigen Kamera abgefilmt. Als letzten Arbeitsschritt, hat meine Gruppe noch nach passender Musik gesucht (oft wurden Stummfilme bei ihren Aufführungen live von einem Orchester musikalisch untermalt!). Wir haben lange gesucht und sind auf das Werk eines Komponisten gestoßen, das perfekt mit unserem Film funktioniert. Es ist ein atonales Werk, gespielt auf einem kaputten und verstimmten Klavier, dilettantisch aufgenommen, mit einer, auf dem Klavier platzierten Kamera, die jede Vibrationsschwingung mit einem lauten Rattern in der Aufnahme absorbierte. Perfekt! Hier könnt ihr es getrennt anhören: HIER.

Fertig war unser eigener Vampirstummfilm auf echtem Super 8 Film.

Es war eine super Erfahrung, allein schon, weil man sich wieder an die Anfänge des Filmemachens ranwagen durfte und sich dann einfach nur unheimlich freut, wie gut es uns eigentlich heutzutage geht.
Ich hoffe euch hat auch dieser, sehr spezielle, Rückblick gefallen und hoffe ihr seid auch beim nächsten wieder mit dabei, wenn ich euch den "Film & Fernsehen" Workshop vorstelle! Ich kündige an, dass dieser wohl etwas kontroverser wird. Ich sehe mich aber in gewisser Weise in der Verantwortung darüber in seinen Einzelheiten zu berichten, denn genau dafür hab ich diesen Blog erst gestartet. Bis zum nächsten Mal!

Hier geht es zum vorigen Artikel: Das erste Semester Kunsthochschule Kassel - Teil 3 | 3D Spiele und Filme
Hier geht es zum letzten Artikel meines aktuellen Filmprojekts: Hinter den Kulissen - MANNEQUIN | Die letzten Vorbereitungen

LG
Harry @ HxB - Bewegtbild Produktion

 

 

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