Wer kennt nicht die legendären Luftaufnahmen zu Beginn von "The Shining"? Lange waren solche Aufnahmen ein Privileg von Hollywoodproduktionen. Dann kamen die Drohnen und meine Welt stand Kopf - Meine Erfahrung mit Drohnen in Filmproduktionen



Meine persönliche Erfahrung mit Drohnenflügen

Vor kapp einem 3/4 Jahr, habe ich in eine Filmdrohne investiert. Schon viele Jahre habe ich mir die Entwicklung von Filmdrohen im Konumentenbreich angeschaut. Mit der DJI Phantom 3 Serie ist 2015 eine Drohne erschienen, die einfach und intuitiv zu bedienen ist und eine hervorragende Filmqualität bietet. Das ganze zu wirklich bezahlbaren Bereich- Ohne mich jetzt zu sehr darin zu verlieren: Ich kann die Phantom 3 vollends empfehlen. Für den Preis von 700€ ist sie für jemanden, der ohnehin in Drohnenvideographie interessiert ist auf jeden Fall erschwinglich. Sie bietet viele interesannte Modi, wie den "Follow-me" Modus, bei der die Drohne einem automatisch folgt (Siehe mein BMW-Syndikat 2016 Video), oder den "Point of interest" Modus, bei dem die Drohne automatisch in einem vorgegeben Radius, um einen manuell gesetzten Punkt rotieren kann (sieht man auch im unten eingebetteten Drohnentestvideo, dass ich gemacht habe). Das sind klasse Funktionen und wer Interesse daran hat, dem kann ich nur den YouTube-Kanal Tom´s Tech Time empfehlen. Der Junge hat unzählige informative Tutorials zum Thema Drohnenfliegen produziert. Darauf aufbauend habe ich viele Testflüge absolviert und daraus primär für Instagram eine kleine Collage gebastelt. Werft doch mal einen Blick rein!

Schlussendlich sind das aber erstmal leblose Spielereien ohne Wirkung und Aussagekraft. Man schaut es sich einmal, vielleicht zweimal an und vergisst es. Der Filmemacher muss sich aber dieser neu gewonnen Dimension bewusst werden. Was kann mir der Blick von oben erzählen? Hollywood hat es in vielen schönen Beispielen vorgemacht, was die Kamera erzählen kann, wenn sie nur das Geschehen aus der Luft festhält. Schauen wir uns ein paar inspirierende Beispiele an.

Meisterliche Einsätze von Aufnahmen aus der Luft

The Shining, Terminator 2, Enter the Void und ganz aktuell Don´t Breath sind einige Beispiele in denen gelungene und, ganz wichtig, sinnvolle Luftaufnahmen eingesetzt worden sind. Keine der folgenden, von mir angerissenen Szenen ist aus dem Selbstzweck entstanden cool und modern auszusehen.

The Shining

Fangen wir an: Zum Beispiel die atmosphärisch dichte Einleitung von The Shining, bei der man Jack Torrance (Jack Nicholson) in seinem Auto durch die verwinkelten Gebirgsketten fahrend verfolgt. Diese Eröffnung, festgehalten aus der Luft, leitet perfekt in das Szenario des Films ein. Der Protagonist im Auto ist winzig und lässt Jack hilf- und ahnungslos wirken, während er immer weiter eintaucht in die menschenleere Einödnis. Uns wird später im Film klar, vor allem Dank dieses Vorspanns, dass wenn etwas schreckliches passieren sollte, niemand da sein wird, um einem aus der Not zu helfen...

Enter the Void


In Enter the Void spielt alles aus der Ego-Perspektive. Der Protagonist wird im Laufe des Films erschossen und wandert nun in Form eines "Geists" über die Stadt und wacht über seine Schwester, die er zurückgelassen hat. 3/4 des Films spielen aus der langsam über der Stadt schwebenden, vogelperspektivischen Kamera und lassen langsam aber sicher ein nihilistisches Bild, eine vakuumartige Vorstellung des Lebens ins unseren Köpfen entstehen und wachsen. Auch wenn hier nicht mit einer Drohne gefilmt wurde, ist der Film ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie aus einer technischen Spielerei eine ästhetische Erfahrung werden kann.

Don´t Breathe


Viel simpler und trotzdem eindrucksvoll, weil perfekt passend und durchdacht ist die Eröffnungseinstellung aus Don´t Breathe. Es beginnt mit einer Totalen weit oben über den maroden Dächern einer heruntergekommenen und verlassenen Einfamilienhausgegend in Detroit. Langsam, linear und konstant sinkt und schwenkt die Kamera nach unten. Wir tauchen immer mehr in diesen toten Ort ein. Je näher wir dem Grund kommen, erblicken wir plötzlich einen sich bewegenden Fleck auf der mittig verlaufenden, kaputten Straße. Die Kamera nähert sich weiter und das Grauen wird erkennbar: ein Mann schleift den leblosen Körper einer jungen Frau hinter sich her. Mitten auf der Straße. Der Film verspricht uns unweigerlich: Nichts ist wie es scheint an der Oberfläche. Darunter verbirgt sich grausames und perverses und du wirst es entdecken und erleben. Genial! So funktioniert das! An dieser Stelle komme ich auch zum Punkt, der mich an vielen Drohenaufnahmen umso mehr stört - ihre Belanglosigkeit und Austauschbarkeit. Lasst es mich ausführen.

Die Kamera als eigenständiger Erzähler

Ich merke oft, dass viele Filmemacher folgendes noch nicht realisiert haben: Im Film erzählt nicht nur die Handlung, das Gesprochene und das Szenenbild die Geschichte, sondern auch die Kamera. Eine eindrucksvolle Kameraführung zeichnet sich dadurch aus, dass sie durch ihre Bewegung eine eigene Geschichte erzählt und mit uns, den Zuschauern, kommuniziert. Was meine ich damit genau? Ich meine damit zum Beispiel den berühmten Vertigo-Zoom, erstmals verwendet in Hitchcocks Vertigo. Die Kamera fährt auf Schienen zurück, während dabei ins Bild gezoomt wird. Der Protagonist scheint unverändert an Ort und Stelle zu stehen, während der gesamte Hintergrund auf ihn zuzufahren scheint.

Ein Beispiel an Wall Street

Das ist nicht bloß ein Effekt, der toll aussieht. Hitchcock und alle, die es ihm nachtaten, haben damit etwas erzählt. Eine Gefühlsregung, die sich in der Figur breit machte und sein Denken vereinnahmte. Wir verstehen als Zuschauer, dass sich hier etwas tiefgreifendes bewegt und verändert hat, ohne das ein einziges Wort gesprochen wurde, oder der Schauspieler dafür mit feuchten Augen in die Kamera schluchzen muss. Ich gebe euch ein Beispiel aus einem Film, den ich mir zufällig erst gestern angeschaut habe: Wall Street.

Bud Fox (Charlie Sheen) verlässt verzweifelt und desillusioniert das Büro von Aktienhai Gordon Gekko (Michael Douglas). Ihm ist soeben klar geworden, dass Gekko ihn die ganze Zeit hinweg ausgenutzt und manipuliert hat, um seinen eigenen Reichtum zu mehren. Bud war von Anfang an nur ein Werkzeug und jedes löbliche, aufbauende Wort Gekkos eine Lüge. Buds Vater hat Recht gehabt: Er hätte es früher wissen müssen, aber seine Gier nach dem großen Geld und das Streben nach Macht und Anerkennung haben ihn blind gemacht. Bud geht langsam die Wall Street entlang und lehnt schlußendlich an einem kleinen Baum. Sein Blick ist leer. Woher wir, die Zuschauer, wissen, dass das alles in Bud vorgeht? Die Kamera erzählt es uns. Während Bud die Strasse entlang läuft setzt der Vertigo-Effekt ein und die New Yorker-Skyline im Hintergrund wird größer und größer, wodurch Bud immer kleiner und kleiner zu wirken scheint. Die Wall Street hat Bud komplett verschluckt. Eine absolut phänomenal gewählte Einstellung. Die Kamera selber als Medium wird losgelöst vom Inhalt und spricht mit uns, den Betrachtern.

Das ist es, was ich mit meinen vorangegangen Beispielen für gelungene Luftaufnahmen zeigen möchte: Wir haben die Möglichkeit im Konsumentenbereich eine völlig neue Perspektive auf das Geschehen abzubilden. Nutzt sie, um die Drohne selber zum Geschichtenerzähler zu machen. Denn neue Möglichkeiten in der Filmtechnik werden von guten Filmemachern immer sinnvoll eingesetzt.

Das war ein etwas deftigerer Beitrag merke ich gerade. Aber tatsächlich hat es mir sehr viel Spaß gemacht meine losen, im Kopf schwirrenden Gedanken mal zu verschriftlichen und hoffe euch damit etwas Inspiration mitgegeben zu haben. Viel Erfolg bei euren Filmprojekten!

Der letzte Beitrag: Der hessische Hochschulfilmtag 2016 | Wir durften die Trailerserie produzieren!

Liebe Grüße.

euer Harry

 

Kommentare  

#1 Kim 2017-03-15 16:16
Sehr gelungener Beitrag, welcher auch mich als Laien voll ins Metier gezogen hat. Besonders die Filmbeispiele finde ich toll gewählt :)
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